Streaming: Ein Plädoyer gegen das Binge-Watching

Die Debatte darüber, ob Serien in einem Stück verschlungen oder in regelmäßigen Schnappschüssen genossen werden sollen, kann so alt sein wie das Streaming-Zeitalter selbst. Der Begriff Binge-Watching basiert auf dem englischen Binge-drinking, welches den übermäßigen Konsum von Alkohol (hier als Coma-Bund) bezeichnet. Der Begriff "Binge-Watching" wurde vom britischen Collin-Wörterbuch zum Wort des Jahres 2015 gewählt. Das Wort fasst eine große Veränderung unserer Freizeitgewohnheiten zusammen, sagt die Begründung für diese Wahl. Das Argument beginnt eher mit dem Zeitgeist als es bewertet, aber meine Meinung zum Thema ist klar. Mein Appell ist, Leute, lassen Sie die Binge sein.

Wo endet eine Episode, wann beginnt die nächste Episode? Sie wissen es vielleicht nicht, denn entweder der Streaming-Provider Ihres Vertrauens hat direkt die nächste Folge, das Intro ist gesprungen, genau wie vor den Credits. Oder Sie haben es einfach übersehen, als Sie die Katze fütterten, eine Flasche Soda aus dem Kühlschrank brachten oder Ihr Telefon auf neue Nachrichten überprüften. Cliffhanger, nervenaufreibende Stressbögen und andere dramaturgische Griffe Cleveres Storytelling verliert an Wirkung, wenn die Wartezeit zur Klärung einer tödlichen Situation maximal zwei Minuten statt einer Woche oder im schlimmsten Fall ein ganzes Jahr beträgt. Ein subtiles Wortwitz ist leicht zu hören, eine subtile Geste übersehen. Vor allem bei wirklich tollen Comedieserien ist das sehr schade.

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Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Wenn es eine regelmäßige, zeitliche Distanz zwischen den Konsequenzen gibt, ermöglicht dies den Diskurs. Man kann das Gesehene sinken lassen, reflektieren, austauschen, abrupte Fantheorien oder auf den Grund gehen und die nächste Episode. Was wäre der Genuss einer neuen Staffel von Game of Thrones oder The Walking Dead ohne eine Woche Vermutung, Memes zu den denkwürdigsten Momenten oder Spoiler-Warnungen zwischen den einzelnen Episoden?

Mehrere wissenschaftliche Studien haben sich bereits mit den Auswirkungen eines übermäßigen Serien- oder Filmscreenings befasst. Im Rahmen einer Studie der University of Texas in Austin kam der Kommunikationswissenschaftler Wei-Na Lee zu dem Schluss, dass Binge-Watching zu sozialer Isolation führen kann. Die Probanden waren bereit, soziale Kontakte zu vernachlässigen, um eine weitere Episode ihrer Lieblingsserie zu sehen. Um dieses Ergebnis zu erzielen, müssen Sie wahrscheinlich kein Wissenschaftler sein. Es ist selten, sich mit Freunden zu treffen, um eine Episode 4 bis 11 der dritten Staffel einer bestimmten Serie für eine Nacht zu sehen. Die gemeinsame Lieblingsserie kann eine großartige Gelegenheit sein, wöchentlich die besten Freunde auf das Home-Sofa einzuladen und sich um kleine Rituale zu kümmern. Erinnern Sie sich an die Tage, als Sie vor der Tür eines Freundes eine Tüte Chips in der Hand hielten, um sich über eine neue Episode von Sex and the City über Carries Wiederaufflammen mit Mr. Big oder die unzähligen Rätsel die Verlorenen mit jeder Episode? Nein? Dann laden Sie einfach wieder zur wöchentlichen Gruppierung ein, bevor Sie sich zu freundlichen Gefühlen für Jon Snow, Sheldon Cooper oder BoJack Horseman fühlen.

Die Forschung ist keineswegs erschöpft. Der Forscher Wei-Na Lee stellte fest, dass vor allem Menschen mit der Veranlagung zu Depressionen und mangelnder Selbstkontrolle den übermäßigen Serienkonsum bedingen. Auf diese Weise können negative Gefühle zugunsten des Eskapismus in einer fiktiven Serienwelt für eine Weile unterdrückt werden. Eine weitere Studie der Georgia Southern State University bestätigt Lee und ihr Team. Die Wissenschaftlerin Kathrin Weeler konnte nachweisen, dass Menschen mit einer Affinität zum Binge-watching tendenziell eher unter Depressionen und Angstzuständen litten als anderen Fächern. Ein Team der Universität von Toledo, Ohio, unterstrich die Ergebnisse und warnte vor Gesundheitsrisiken. Streaming-Nutzer, die regelmäßig zwischen zwei und fünf Stunden pro Tag regelmäßig Serien (oder Filme) von Netflix, Amazon und Co konsumieren, leiden eher unter Depressionen, Stress oder Angstzuständen.

Solche Ergebnisse können und sollten nicht abgeflacht werden. Nicht jeder, der einen Sonntagnachmittag mit seinem Laptop auf dem Sofa schmunzelt und sich Karikaturen anschaut, hat ein ernstes Gesundheitsproblem. Andere fühlen die depressive Leere erst nach dem Ende einer langen Singsession und dem plötzlichen Ausbruch einer Jahreszeit. Der Journalist Matthew Schneier beschreibt in der New York Times seinen Nachwuchs-Blues als Krankheit unserer Zeit und findet Trost unter den gleichgesinnten Menschen im Internet. Sein Kollege Adam Sternbergh von Vulture hingegen fühlt sich während des Binge-Watchings miserabel, weil er den Zwang fühlt, eine begonnene Serie bis zum bitteren Ende durchschauen zu müssen, auch wenn er diesen Untergrund schlecht findet. Für die lustvolle, resignierende Variante des All-One-Time-Verbrauchs findet er den Begriff Purge-Watching.

Es liegt natürlich an jedem, sich zu entscheiden, wie man Serien betrachtet. Persönlich hatte ich die Erfahrung, dass Binge-Watching die gleichen Nachwirkungen hat wie der übermäßige Konsum von Alkohol oder Kuchen: am Ende Kopfschmerzen, Übersättigung, schlechtes Gewissen und ein Bad in Selbstversorgung. (Spoiler: Nach der Durchsicht der kompletten DVD-Box mit allen Jahreszeiten Sex and the City musste die Seminararbeit zur polnischen Renaissance-Architektur ohnehin geschrieben werden.) Seitdem genieße ich es Lieblingsserien wohl dosiert und freue mich auf Veröffentlichungen im wöchentliche Handlung.